Überarbeitete Artikel:
Über den "Atem des Lebens" - Vom "Flüssigen Licht" zur craniosacralen Bewegung



Elisabeth Bohrer©

Vortrag und Workshop auf der Fachtagung „Zell-Geflüster – Das Geheimnis des Lebens?“ des Berufsverbandes der Heilpraktikerinnen Lachesis e.V. 22.-25.5.2008; überarbeiteter Artikel für die Fachzeitschrift Nr. 37 10/08, Lachesis e.V.

Dieser Artikel setzt Vorkenntnisse von Theorie und Praxis der craniosacralen Methode voraus:


Seerose
Epilog (eigenes Gedicht):
Jeder Mensch, jedes Wesen ist eine Welle
im großen Ozean des Lebens:
umgeben und berührt
bewegt und belebt
vom "Atem des Lebens"
intelligenter Kraft
universeller Energie
Lebenskraft an sich
dynamischer Stille
"Flüssigem Licht"
Flüssigkeit in der Flüssigkeit

Jeder Mensch besteht aus vielen Tropfen
"Jeder Tropfen kennt die Welle und das Meer"
Jede Zelle ist ein kleines Universum.

„Flüssiges Licht“ ist ein Begriff von W. G. SUTHERLAND (1873-1954). Er hat bei A. T. STILL, dem Begründer der Osteopathie in den USA, studiert und verbrachte Jahrzehnte seines Lebens mit Studien zur craniosacralen Bewegung und Therapie, die die Basis der cranialen Osteopathie schufen.
Quelle
Die Einheit von Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität war für ihn das Fundament dieser Methode. Tiefe Erfahrungen mit einer sehr langsamen physiologischen Bewegung, die er „Atem des Lebens“ nannte, und einer „Dynamischen Stille“, die ihn Zeit- und Raumlosigkeit zusammen mit der/m Patient/in und dem Universum spüren ließen, zeigten als Essenz:
Es gibt eine intelligente Kraft des Lebens, die sich als „Flüssiges Licht“ in der cerebrospinalen Flüssigkeit mit ihren Fließbewegungen zeigt. Diese „Lebenskraft an sich“ ist in allem und durchwirkt alles, ist umfassendste biodynamische Regulation.
Seine Erkenntnisse weisen m.E. Übereinstimmungen von craniosacral-biodynamischen Erfahrungen und Beobachtungen und der Biophotonik auf: Licht besteht aus Teilchen und Wellen, Bewegung und Dynamik. Biophotonen sind Lichtquanten, die aus sich selbst in einer bestimmten Frequenz, in kohärent-ordnenden und kontinuierlichen Impulsen strahlen und die jedes Lebewesen abstrahlt.


Im Folgenden möchte ich fünf Überlegungen zur Verbindung craniosacralen Wissens mit Aspekten der Zellkommunikation darstellen:

Kommunikation 1
Universelle Energie ↔ Materie ↔ Zelle ↔ Inkarnation ↔ embryonale Entwicklung ↔ fetale Reifung ↔ Geburt ↔ postpartale Reifung ↔ Lernen und Erfahrungen ↔ Lebenszyklen ↔ Exkarnation ↔ universelle Energie

Zellen haben Erinnerung, Gewebe hat Gedächtnis. Neben sozialen Beziehungserfahrungen und Erfahrungen in anderer Auseinandersetzung mit der Umwelt, neben Trauma und Schock ist aber auch die Entfaltung des Bauplans des Lebens in jeder Zelle gespeichert. Kommunikation ist ein Lebensprinzip der Zellen, wie es die gesamte Entwicklung von Zygote über Embryo und Fötus bis zum postnatalen Zustand und dem folgenden Leben zeigt.

Jede/r von uns ist mit dem Wissen der Großmutter mütterlicherseits direkt embryonal verbunden: Die Eizelle der Mutter, aus der jede/r entstand, wurde angelegt, als sich die Mutter im Bauch ihrer Mutter entfaltete und entwickelte. Diese Eizelle war perfekt und musste nur noch reifen. Sie hatte alles Wissen und alle Informationen, die sie brauchte, um gemäß dem intelligenten Bau- und Entfaltungsplan zusammen mit den Informationen einer Samenzelle und einer Inkarnation die darauf folgende Generation hervorzubringen. Materie und Biologie kommen mit Be-Geist-erung zusammen, so ähnlich beschreibt es auch der Embryologe JAAP VAN DER WAL. Unter diesem Aspekt bin ich also nicht nur so alt wie die Zeit seit meiner Geburt, sondern so alt wie die Zeit seit der Entstehung meiner Mutter.

Jede embryonale Entstehung und Entwicklung findet durch die Kommunikation von Zellen statt. Die embryonale Entfaltung läuft bei Huhn, Echse, Fisch, Affe, Hund und Mensch in der ersten Zeit gleich ab. Betrachten wir Abbildungen dieser Lebewesen im ersten Embryonalstadium nebeneinander so sehen wir große Ähnlichkeiten. Aber von vorneherein war dem einzelnen Embryo klar, ob es ein Tier (und auch, welches) oder ein Mensch wird. Während die nicht-menschlichen Arten für ihre Lebensart bereits perfekt ausgestattet zu.jpgr Welt kommen, ist im menschlichen Körper und Geist das Potential für eine langwierige Ausbildung vorhanden.


Quelle2
Die primäre Mittellinie ist eine embryonale Zelllinie, auch Achsenstab, Chorda dorsalis oder Notochord genannt, die beim Menschen in der dritten Schwangerschaftswoche, mit der Entwicklung des Mesodermkeimblattes, entsteht. Diese Zelllinie gibt dem Embryo die erste Orientierung im Raum: die von oben-unten, wodurch sich rechts-links und vorne-hinten entwickeln. Weiterhin initiiert sie die Entwicklung von zentralem Nervensystem (ZNS) und Wirbelsäule im darüber liegenden Ektodermkeimblatt.
Diese pluripotenten Zellen geben also durch ihre Entstehung und ihr Zusammenfinden als Achsenstab eine Information an ein Potential, wodurch weitere spezialisiertere Zellgebilde entstehen und sich entfalten. Dabei verändern sie ihre Struktur und integrieren sich später als embryonales Gewebe in die Mittelkernbereiche von Wirbelkörpern und Bandscheiben, wo sie teils energetisch, teils materiell lebenslang verweilen.

Gehen wir von einer dynamischen, alles durchwirkenden und umgebenden intelligenten Kraft geistig-spiritueller Art aus, so stellt diese Mittellinie eine Verdichtung und Materialisierung dieser universellen Intelligenz dar, die ihr Wissen weitergibt und verteilt und zu einem weiteren Schritt der Differenzierung führt.
Die primäre Mittellinie bleibt im erwachsenen Körper eine wesentliche Orientierungslinie und ein beständiges „Erinnerungsorgan“ an eine Zeit, in der es rein um dynamische Entfaltung ging. In der es nichts zu tun gab, als die universale Intelligenz des Lebens in Form der Vermehrung, Organisierung und allmählicher Differenzierung der Zellen ihren Job machen zu lassen. In der alles da war, was es brauchte.
In den primären Mittellinien unserer erwachsenen Körper liegt ein großes Wissen von Selbstregulation und Heilen.

Kommunikation 2
Atem des Lebens ↔ "Flüssiges Licht" ↔ Fluktuation des Liquors ↔ Motilität des ZNS ↔ Motilität der Meningen ↔ Gelenkbeweglichkeit von Schädelknochen, Wirbeln und Sacrum ↔ intraossäre und intramembranöse Fluktuationen ↔ intra-, inter- und extrazelluläre Flüssigkeitsdynamik ↔ "Flüssiges Licht" ↔ Atem des Lebens

Aus einem Vortrag von SUTHERLAND, D.O. (1953):
„Haben Sie jemals mit einem Hochleistungsmikroskop zwischen die Zeilen einer kleinen Sache gesehen? Haben Sie den Raum zwischen den Zeilen gesehen, so wie Sie sie dort vorfinden? Denken Sie, Sie können irgendeinen Raum zwischen den Zeilen in diesen Faszien finden? Die Faszie an sich, mit ihrer weißen unelastischen Form? Ja, sie werden Raum dazwischen finden, wenn Sie die Vision besitzen, um dazwischen zu sehen.[…]
Sie werden draußen an der Küste des Ozeans einen großen Felsen erblicken. Haben Sie jemals bewusst über den Raum zwischen seinen Schichten nachgedacht? […] Wenn die Tide hereinflutet und die Wellen über den Felsen rollen, werden Sie entdecken, dass er zu jenem Sand zerfällt […] Jene Sandkörner besitzen eine Menge Zwischenraum. […] Das Glasfenster, durch welches Sie blicken, wurde aus eben jenem Sand gefertigt. Haben Sie schon jemals bewusst darüber nachgedacht, woraus Sie bestehen? […] Das Sonnenlicht scheint durch das besagte Glas. Berührt es das Glas? Es erleuchtet diesen Raum und wird reflektiert.
Stellen Sie sich nur für einen Augenblick vor, dass Ihr Körper aus Glas geformt wurde. Dass Sie ein Glashaus sind, in dem der Atem des Lebens reflektiert wird. Er berührt nicht einmal Ihr Haus, Ihr Glashaus, und wird dennoch durch und durch reflektiert. Sehen Sie die Sonne sich im Mond und den Mond sich im Ozean widerspiegeln. Eine Reflektion, die den Mond und den Ozean nicht berührt und dennoch beide erleuchtet. Das ergibt ein wundervolles Bild. Licht! Flüssiges Licht!“ 1


Quelle3

Entsprechend ihrer embryonalen Entfaltung ist der „Atem des Lebens“ als langsame rhythmische auf- und absteigende Bewegung (jeweils 50 Sekunden) einer Kraft der primären Mittellinie zu spüren. Sie ist von ihrer Qualität her vergleichbar mit warmer Luft, ätherisch, ein direkter Ausdruck vom „Atem des Lebens“. Diese langsame rhythmische Bewegung wird in der Literatur der biodynamischen craniosacralen Therapie auch als „Primäre Respiration“ bezeichnet.
Die Schwingung überträgt sich auf die Flüssigkeiten des Körpers, primär auf den Liquor cerebrospinalis, den SUTHERLAND als den reinsten und gefiltertsten Anteil des Flüssigkeitskörpers einschätzte. Dort fühlte SUTHERLAND die „Lebenskraft an sich“ in ihrer Bewegungsdynamik wie eine „Flüssigkeit in der Flüssigkeit“, wie "Flüssiges Licht". Zudem sind die intra- und extracerebralen Anteile des Liquorraumes räumlich nahe zur Chorda dorsalis.
Die rhythmische Bewegung wird durch die flüssigkeitsgefüllten Räume auf die dichter materialisierten Gewebe übertragen: Knochen und Membrane. Ausgehend von den Liquorräumen in und um Gehirn und Rückenmark geht sie über die Hirn- und Rückenmarkshäute zu den Schädelknochen und Wirbelkörper und wird auf alle weiteren Anteile des Körpers übertragen. Auch die inneren Organe rollen sich in rhythmischer Bewegung ihrer embryologischen Entfaltung gemäß aus und ein. Über die craniosacrale Bewegung findet eine Kommunikation von Zellverbänden im Körper statt.
Zum Verständnis beitragen kann die Erinnerung daran, dass auch der erwachsene Körper zum größten Teil aus intrazellulärem und extrazellulärem sowie zwischen diesen Räumen diffundierendem Wasser besteht und Wasser ein elementarer Informationsträger ist (s.a. die Forschungen von Masaru Emoto u.a.). Alles hat fließende Übergänge und ist in Kommunikation miteinander, bewusst und nichtbewusst.

Grafik
MICHAEL SHEA hat in einem
seiner Seminare,
an dem ich teilnahm,
zu diesen Aspekten
das „Modell der vier Körper“
entwickelt.

Großansicht Modell der vier Körper

Verbunden mit eigenen Erfahrungen und Gedanken setze ich es in folgende Zusammenhänge:
Überpersönlich – universell:
Dynamische Stille, universelle Energie,
Atem des Lebens
Persönlich – geistig: Tidal / Spiritual Body
Persönlich – flüssig: Fluidal Body (Liquor, arterielles und venöses Blut,
Lymphe, intra- und extrazelluläres Fluid, Harn)
Persönlich – körperlich: Somatic Body (Membrane/Bindegewebe, Knochen,
Muskeln, Bänder, Sehnen, Organe, Nerven)
Kommunikation 3

Zelle ↔ Mensch ↔ Beziehung und Kommunikation ↔ soziale Gruppe ↔ Gesellschaft ↔ Vergesellschaftung mit anderen (Lebe)-Wesen ↔ Natur, Kultur und geschichtliche Epoche ↔ Planet Erde ↔ Kosmos ↔ Universum

Der Mikro-Organismus einer menschlichen Zelle spiegelt den Makro-Organismus Mensch und umgekehrt. Wie im Universum, im Kosmos, hängen alle Einheiten zusammen: Alle Beteiligten sind im Sinne der Physik, Biochemie und Physiologie immer miteinander in Beziehung und Kommunikation. Jeweils mindestens zwei Komponenten bzw. Bewusstseinsträger beeinflussen sich wechselseitig.

„Jeder Tropfen kennt die Welle und das Meer“ ist ein sinngemäß zitierter Satz von SUTHERLAND. In diesem kleinen Satz steckt für mich eine ganz große Geschichte, die größer ist als ein einzelner Mensch, als alle Menschen und Lebewesen auf diesem Planeten.
Übertragen auf das Thema „Zell-Geflüster“ entsteht in mir der Satz:
“Jede Zelle ist Teil des Wissens der universellen Intelligenz der Lebenskraft, die alles durchwirkt“.

Die Erfahrung dieser intelligenten und universellen Kraft trug für W. G. SUTHERLAND, JIM JEALOUS, FRANKLIN SILLS, MICHAEL SHEA und andere Praktizierende zur Vertiefung und Erweiterung des Wissens der biodynamischen Aspekte der craniosacralen Therapie bei.
Sie trägt dazu bei, dass Therapie und Behandlung verbunden gesehen wird mit Krankheit, Leiden und Gesundheit eines Menschen, der in Beziehung und Kommunikation mit anderen Menschen, sozialen Gruppen, Gesellschaften, anderen Lebewesen, Natur und Kultur und geschichtlicher Epoche, dem Planeten Erde und dem Kosmos steht.


Kommunikation 4
Quanten und Atom ↔ Molekül ↔ Zelle ↔ Gewebe und Flüssigkeiten ↔ Organ ↔ Organismus ↔ Körper ↔ Lebewesen ↔ Universum ↔ Atom und Quanten

JOHN E. UPLEDGER wurde viele Jahre lang der biomechanischen Praxis der craniosacralen Therapie zugeordnet. Aber auch er spricht davon, dass die Zelle ein Bewusstsein hat. Ausgehend von Studien STACY F. HOWELLs, seines Mentors in Biochemie während seines Studiums Anfang der 60er Jahre, schreibt er in seinem Buch „Im Dialog mit der Zelle“:
„Er zeigte mir, dass jedes Atom einem Sonnensystem gleicht. Der Nukleus entspricht der Sonne. Die Elektronen entsprechen den sie umkreisenden Planeten. Er beschrieb Moleküle als wechselwirkende Sonnensysteme. Er baute in meinem Geist ein Modelluniversum auf. Dieses Universum besteht aus Atomen und Molekülen, die zusammengezogen und zusammengehalten werden und so jede erdenkliche Materie oder Struktur bilden. Die Materie ist das Universum. Die Größe ist der Faktor, der das, was wir für unser kosmisches Universum halten, von dem Universum unterscheidet, das die Materie des Papiers darstellt, auf das diese Worte gedruckt sind. Gewebe sind folglich Minigalaxien, Atome Sonnensysteme usw.
Kurz gesagt ebnete Dr. Howell den Weg für die Idee, dass Organe und Gewebe, Zellen und Moleküle usw. Individuen wie Menschen und Tiere sind. Von da war es nicht mehr schwer zu akzeptieren, dass jedes dieser Organe, Gewebe, Zellen, Moleküle und Atome ein individuelles Bewusstsein besitzt und dass jedes dieser individuellen Bewusstseine zum nächst höheren Gruppenbewusstsein beiträgt, das sie bilden. Das Bewusstsein der Moleküle trägt zum Bewusstsein der Zellen bei, die sie bilden. Das zelluläre Bewusstsein trägt zu dem Gruppenbewusstsein des Gewebes bei, das sie bilden und so geht es weiter, von Geweben über Organe zu physiologischen Systemen und schließlich der ganzen Person, dem Tier und der Pflanze.
Von da scheint es vernünftig anzunehmen, dass das Bewusstsein mehrerer Menschen zum Bewusstsein ihrer Umgebung beiträgt usw. bis hin zur Unendlichkeit des Universums. Daraus scheint auch zu folgen, dass das Gesamtbewusstsein einer Gruppe jedes Mitglied dieser Gruppe beeinflusst, so wie das Bewusstsein jedes Einzelnen zum Gruppenbewusstsein beiträgt.“2


Quelle3Ich stimme UPLEDGER zu, wenn er beschreibt, dass alle und alles in einem Energiemeer lebt, Äther genannt, und von Energie durchdrungen ist. Es trägt Leben in sich, so wie das Meer Leben in sich trägt und alles Leben in sich Wasser bzw. „flüssiges Licht“. Jede Kommunikation in diesem Energiemeer ist wechselseitig, so wie Energien innerhalb und außerhalb jedes Körpers kommunizieren.
Hier erfahre ich keine scharfen Grenzen, sondern Übergänge, so wie auch die Zellmembran eine differenziert aufgebaute Übergangszone für bestimmte Informationen in bestimmten Situationen im Sinne der Lebensregulation durch ihre Selbstregulationskräfte darstellt.


Kommunikation 5
Gen ↔Zelle ↔ Organismus ↔ Umwelt und soziale Beziehungen ↔ Gehirnzellverbände und Spiegelneurone ↔ Zell-Erinnerung und Gewebe-Gedächtnis ↔ Gen-Text und Gen-Aktivität ↔ Stoffwechselaktivität ↔ Proteinsynthese und genetische Information

Die Zelle ist Trägerin der genetischen Information, die Gene sind im Zellkern zusammengewickelt. Die Funktion eines Gens ist, individuelle Merkmale der biologischen Grundausstattung eines Organismus an Nachkommen weiter zu geben, z.B. individuelle Proteinsynthese für die Stoffwechselleistungen.
Aber Lebens- und Umweltbedingungen sowie „Lifestyle“ beeinflussen und ändern sogar die genetischen Informationen von Zellen. Dieser Adaptionsprozess ist auf den Erhalt des Lebens ausgerichtet, das Vermögen dafür wird dynamisch immer wieder hergestellt.
Denn ein Gen funktioniert nur im Kontext mit der Umweltauseinandersetzung.
Gene, Organismus und Umwelt bilden eine „Einheit des Überlebens“, wie JOACHIM BAUER 3 beschreibt: Alles arbeitet nur gemeinsam in einem Miteinander.
Jens Reich, Molekularbiologe und Genforscher, sagt dazu, dass Gene vergleichbar sind mit einem Konzertflügel: er kann für sich alleine keine Musik machen.4
Die Funktion eines Genes hat zwei Aspekte:
1. Text eines Gens = DNS-Sequenz ↔ FESTGELEGT, FIX
2. Regulation der Genaktivität: Situative Einflüsse, Erlebnisse und Erfahrungen ↔ FLEXIBEL, BEWEGLICH

Im Gehirn findet die Umwandlung sozialer Beziehungen in biologische Signale statt. Das beeinflusst Körperfunktionen und verändert die Mikrostruktur. Ob Gene aktiv werden, ist abhängig von Signalen aus der Zelle selbst, aus dem Gesamtorganismus, aus der Umwelt.
Genregulationsaktivität entsteht, wenn die fünf Sinne an definierte Strukturen des Gehirns Signale aus der Umwelt vermitteln. Der Fluss der Energie – die Bewusstsein und Information trägt – wird in jeder Sekunde durch nichtbewusste subcortikale Aktivitäten bearbeitet, bevor er das Bewusstsein gefiltert erreicht. 5

Erlebnisse und Erfahrungen jedweder Art – vor allem aber Trauma und Schock – hinterlassen ihre Spuren in den Zellen des Körpers:
• Im Nerven-Psyche-Hormon-Immunsystem: Amygdala, Hippocampus, limbisches System, Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, sympathicotone-parasympathicotone neuroendokrine Regulation
• In anderen Geweben: Muskel-, Binde-, innere Organ- und Hautgewebe.

Blumenwiese

In der craniosacralen Therapie sprechen wir von Gewebe-Gedächtnis bzw. Zell-Erinnerung. Diese Annahmen finden sich ähnlich z.B. auch bei BABETTE ROTHSCHILD, „Der Körper erinnert sich“, und JOACHIM BAUER, „Das Gedächtnis des Körpers“.
Die Kommunikation zwischen den Zellen ist eine elementare Grundlage für die Lösung von traumatischen Erfahrungen in den Geweben des Körpers und in der Psyche:
In der craniosacralen Begleitung werden Gewebe mit feinen Mikroentwindungen, die bis in einzelne Zellen wirken, bei der Verarbeitung ihrer Erfahrungen unterstützt.
Gehirn und Rückenmark sind mit ihren ummantelnden Häuten, dem Liquor cerebrospinalis sowie den Wirbeln und cranialen Knochen ein „Herzbereich“ der craniosacralen Bewegungen und Therapie. Insbesondere die tiefe entspannende Wirkung auf das vegetative Nervensystem unterstützt die Dynamik von Ressourcierung und Adaption.

Ein weiterer interessanter Aspekt des Themas ist, dass es Zell-Kommunikation nicht nur in einem Körper, sondern auch zwischen Individuen gibt: Ein Wissenschaftsteam in Parma entdeckte schon Anfang der 90er Jahre die "Spiegelneurone": 6
Wie in dem Artikel von STEFAN KLEIN ausgeführt wird kann Empathievermögen als Wesenszug menschlichen Sozialverhaltens neurobiologisch über die eigene Körperwahrnehmung erklärt werden. Es wurde entdeckt, dass beim Anblick anderer bei dem/r Betrachter/in dieselben Hirnareale aktiviert werden wie bei dem/der Betrachteten. Das gilt sowohl für körperliche Aktivitäten wie für Emotionen.
Wird z.B. beim Sport zugeschaut, werden bei den Zuschauenden dieselben Hirngebiete aktiv wie bei denen, die tatsächlich in Bewegung sind. Diese Resonanz ist um so stärker, je mehr eigene Erfahrung mit der Sportart besteht.
Das Gehirn ist auch in der Lage, aus den Bewegungen der eigenen Gesichtsmuskulatur eine Empfindung erlebbar zu machen. Indem ich also die Mimik meines Gegenüber spiegele, gehe ich in Resonanz.
Dabei kann unterschieden werden:
1. "Einfühlung" in andere als "ein Automatismus des Gehirns" , intuitives Hineinversetzen (Empathie)
2. "Mitgefühl" mit anderen als gedankliches Hineinversetzen, was dann auch das eigentliche Gefühl mit auslöst, z.B. Mitleid – wobei es möglich ist, Empathie und Mitgefühl völlig voneinander zu entkoppeln.
Dieses Phänomen wurde dann auch für Geisteszustände gefunden: "Denn der Mechanismus der Spiegelneuronen bietet uns einen direkten Zugang in die Innenwelt des anderen."

Empathie und Mitgefühl sind wesentliche Grundlagen jeder therapeutischen Arbeit, Resonanzen hilfreiche Phänomene darin.

Der „Atem des Lebens“ zeigt sich via Zell-Kommunikation nicht nur als elementare Kraft im eigenen Organismus, sondern auch als verbindende Kraft der Resonanz im sozialen Miteinander und im Kontakt mit der Umwelt.

Der Mikrokosmos spiegelt sich im Makrokosmos, der wiederum Mikrokosmos ist für einen noch größeren Makrokosmos:
Zelle ↔ Organ ↔ Organismus ↔ soziale Gruppe↔ Menschheit ↔Kosmos


Anmerkungen:
1HARTMANN (2004) Bd. II, S. 257
2UPLEDGER (2006) S. 262
3BAUER (2006) S. 8-11, S. 22-23
4BAUER (2006) S. 8
5UPLEDGER (2006) S. 8
6KLEIN, STEFAN: Mitgefühl ist Eigennutz. Interview mit VITTORIO GALLESE. In: Wochenzeitung DIE ZEIT Nr. 21/2008, Magazin S. 27-33


Verwendete Literatur:
ALBERTI, BETTINA: Die Seele fühlt von Anfang an. Wie pränatale Erfahrungen unsere Beziehungsfähigkeit prägen. Kösel (2008)
BAUER, JOACHIM: Das Gedächtnis des Körper. Eichborn (2002)
BAUER, JOACHIM: Warum ich fühle, was Du fühlst. Heyne (2006)
BOHRER, ELISABETH: CranioSacral Therapie – von der Kraft und der Sanftheit des Meeres im Körper. In: Fachzeitschrift LACHESIS Nr. 29 (2002), S. 42-43
HARTMANN, CHRISTIAN (Hg.): Das große Sutherland Kompendium. Jolandos (2004)
HÜTHER, GERALD; KRENS, INGE: Das Geheimnis der ersten neun Monate. Unsere frühesten Prägungen. Beltz (2002)
ROTHSCHILD, BABETTE: Der Körper erinnert sich. Synthesis (2002)
SHEA, MICHAEL J.: Bodynamic Craniosacral Therapy, Vol I +II. North Atlantic Books (2007+2009)
REDDEMANN, LUISE: Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren. Pfeiffer bei Klett-Cotta (2002)
REDDEMANN, LUISE: Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie. PITT – Das Manual. Pfeiffer bei Klett-Cotta (2004)
ROHEN, Johannes W.; LÜTJEN-DRECOLL, Elke: Funktionelle Embryologie. Die Entwicklung der Funktionssysteme des menschlichen Organismus. Schattauer (2004)
SILLS, FRANKLYN: Craniosacral Biodynamics. Volume 1+2. North Atlantic Books (2002+2004)
UPLEDGER, JOHN E.: Im Dialog mit der Zelle – Cell Talk. Haug (2006)
VAN DER WAL, JAAP: Der Mensch als Embryo zwischen Himmel und Erde. Eine dynamische Morphologie der menschlichen Gestalt. Sechs Vorträge, Dornach Mai 1997.
VAN DER WAL, JAAP: Menschwerdung – eine Geste. Embryo Sein von Konzeption bis Geburt. Mensch sein zwischen Himmel und Erde. Bildungsfestival Weggis 2009. DVD, Audiotorium (2009)